Wie jetzt? Vorfuß- vs. Fersenlauf

Wie jetzt? Vorfuß- vs. Fersenlauf

28. März 2018 Alles lesen Fit für 5 km Schuh & Co 0

An dieser Frage scheiden sich die Geister: Sollte man als Läufer besser mit dem Vorderfuß oder mit der Ferse aufsetzen? Oder sich am Besten gar keine Gedanken darüber machen?

Die Argumente:

Der Bayrether Laufcoach und Triathlet Martin Petzendorfer wirbt für das Laufen auf dem Vorfuß. In das Training baut er immer wieder Passagen ein, in denen er beinahe auf der Stelle geht und ganz bewusst auf dem Vorfuß federt. DieFederung des Fußgelenks wird dabei so weit ausgenutzt, dass die Ferse fast den Boden berührt, aber eben nur fast. Wichtig sei, dass der Fuß hin und wieder gestreckt sei, sagt Petzendorfer und rät:

“Achtet darauf, dass die Knie sauber nach vorne gehen.”

Petzendorfers Hauptargument für mehr Vorfußeinsatz: Die kinetische Energie, die beim Laufen entsteht, werde andernfalls regelrecht in den Boden gestampft und verpuffe dort. Wer dagegen die Federung des Fußgelenks ausnutze, laufe auf Dauer energiesparender und folglich schneller und weiter.

Bewegungsanalytiker Holger Thauwald vom Reha-Team Bayreuth bei der Laufanalyse mit Christiane Wölfel vom Kurier-Leser-Team.

Bewegungsanalytiker Holger Thauwald vom Reha-Team Bayreuth ist da anderer Meinung. Er sagt:

“Es gibt kein falsch oder richtig.”

Genetisch sei der Vorfußlauf in den Menschen verankert. Afrikaner joggten so auch heute noch barfuß, hätten aber auch die dafür nötige, trainierte Fußmuskulatur. Durch das Tragen von Schuhen habe sich dagegen der Fersengang etabliert.

“Im Schuh ist der Fersengang dynamischer. Aus physiologischer Sicht bin ich eher beim Fersengang. Da habe ich mehr Wechselbelastung der Muskulatur. Im Vorfußgang entlastet meine Wade und Achillessehne nie. Im Fersengang habe ich immer einen Wechsel zwischen Be- und Entlastung.”

Schließlich käme auch kein Mensch käme auf die Idee, über den Vorfuß zu gehen. Vor allem Läufer, die mit dem Laufen gerade erst beginnen, sollten sich daher durch nicht kirre machen lassen. Thauwald sagt:

“Ich habe beruflich noch niemandem empfohlen, ein anderes Gangbild zu produzieren. Ganz ehrlich: Es macht irre.”

Man solle Spaß am Laufen haben und sich nicht bei jedem Schritt Gedanken darüber machen, wie man jetzt auf den oder anderen Teil des Fußes komme. Zur Laufanalyse mit Holger Thauwald geht es hier.

Ronal Reng, ein bekannter deutscher Sportjournalist und passionierter Läufer, dessen Buch “Warum wir laufen” gerade die Bestsellerlisten erklimmt, schreibt hingegen:

Bewiesen sei, dass Hüfte und Gelenke bis zu 50 Prozent weniger Aufprallkraft aussetze, wer auf dem Vorderfuß laufe. Und dass der Mensch umso mehr auf der Ferse habe laufen lernen, je gepolsterter das Schuhwerk geworden sei. Dass also folglich die Sportschuhhersteller in den vergangenen Jahren zum Durchbruch des sportlichen Fersenlaufs erst so richtig beigetragen hätten. Und nachdem sich die höhere Belastung des Fersenlaufs auf die Gelenke herumgesprochen habe, hätten die Hersteller vermehrt auf leichteres Schuhwerk gesetzt – bis hin zum Barfußschuh, dem gegenteiligen Extrem sozusagen.

Soweit so gut. Bewiesen habe bislang aber niemand, so Reng, dass die beim Fersenlauf auf die Gelenke wirkenden Kräfte zu hoch und damit schädlich für den Körper seien.

Reng nennt noch Zahlen:

“Eine der anerkanntesten wissenschaftlichen Studien auf dem Gebiet, aus Japan, spricht von 75 Prozent Fersenläufern.”

Und: Ein Biomechaniker namens Martyn Shorten will 10.000 Marathonläufer bei Kilometer 30 gefilmt haben.

“Was glauben Sie, wie viele liefen auf dem Vorderfuß? 200? 17!”

Ronald Reng kommt zu dem Schluss: Warum die meisten Menschen bei einem langen Lauf auf der Ferse aufsetzen, lasse sich nur vermuten. Vielleicht, weil der Hinterfuß über mehr natürliche Polsterung verfüge.

“Wenn Sie versuchen, gegen ihre Gewohnheit auf einmal auf dem Vorderfuß aufzusetzen und dann jäh auch noch mit einem ungepolsterten Schuh laufen, sind Überlastungsverletzungen, etwa an der Achillessehne, keine Überraschung mehr.”

Allerdings: Genauso wenig sollten die wenigen Vorderfußläufer ihren Laufstil deshalb auf den Fersenlauf umstellen!

Und als wäre die Verwirrung nicht schon groß genug, meldet sich Matthias Marquardt, dem Arzt, Marathonläufer und Mitbegründer der “Natural-Running”-Bewegung, noch einer zu Wort, dem der Fuß scheinbar gar nicht platt genug aufschlagen kann. In “77 Dinge, die ein Läufer wissen muss – Typische Irrtümer und neueste Erkenntnisse” schreibt er:

“Vermeintliche Berater geben Ihnen Tipps, die dazu führen, dass Ihre Lauftechnik schlechter wird als vorher. Einer davon ist: Den Fuß immer gut abrollen.”

Marquardt erklärt, wer in Schuhen ganz normal gehe, der lande auf der Ferse, klappe über deren Rundung den Fuß nach unten und stoße sich über den Vorfuß und die Zehen wieder ab. Wer allerdings barfuß über eine Wiese laufe, der rolle den Fuß nicht von der Ferse über den Vorderfuß ab, sondern der setzte den Fuß möglichst flach auf der Wiese auf.

Zusammen mit den Muskeln an Fuß und Unterschenkel wirke das Gewölbe an der Fußunterseite dann wie eine Feder, wodurch sich der Fuß relativ schnell wieder abstoßen lasse, ohne die eher zeitraubende Abrollbewegung zu benötigen.

“Und wer sich schneller wieder abdrücken kann, der ist natürlich schneller im Ziel.”

Nur habe sich die Schuhindustrie, da sind sich Marquardt und Reng einig, auf die Fahnen geschrieben, das Leben der Läufer zu erleichtern. Wegen der Gummipuffer im Fersenbereich der Schuhe laufe halb Deutschland jetzt so, wie eigentlich die Gehbewegung gedacht war, nämlich über die Ferse.

“Und plötzlich sind die, die eigentlich richtig laufen, die Exoten und bekommen Tipps.”

Marquardt schließt:

“Dass dies einen etwas geräuschvolleren, vielleicht platschenden Fußaufsatz zur Folge hat, ist übrigens vollkommen in Ordnung.”

 

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