Liebeslauf

Liebeslauf

6. April 2018 Alles lesen Laufstrecken 0

Warum laufen? Seit Tagen juckt der Körper. Die Beine sind zerstochen und zerbissen. Irgendein Getier muss den Körper nachts malträtieren. Der Juckreiz schlägt massiv aufs Gemüt.


Dazu kommt: Die Arbeit dauert länger als gedacht. Wie so oft, denke ich mir, kann ich private Abendtermine berufsbedingt knicken.
Ich schreibe meiner Freundin: „Wenn ich heute heimkomme, überziehe ich das Bett!“ Das muss wie eine Drohung klingen. Wenn ich heimkomme, dann schläft da längst zwei Meter neben meinem Bett unser kleiner Sohn. Unterschwellig habe ich meine Freundin also aufgefordert, die Überzieherei für mich zu erledigen. Ohne bitte und danke. Nicht nett.

Zuhause angekommen sollte die Stimmung besser werden. Wird sie aber nicht. Stattdessen kommt es zu einem Missverständnis, wie es nur zwischen Mann und Frau passieren kann. Mit den Worten „Das habe ich in deinem Bett gefunden“ wird mir ein gefaltetes Blatt Papier übergeben. Panik steigt auf. Was da wohl drauf steht? Die Telefonnummer einer Frau von der ich nichts mehr weiß? Eine geheime Notiz über unsere Beziehung, die ich längst vergessen habe? Beim Auffalten fällt ein millimetergroßer Krümel auf den Boden und war nie mehr gesehen. Zwei Taschenlampen suchen daraufhin den Boden ab. Es soll sich um das Vieh gehandelt haben, dass mich in den vergangenen Nächten so zugerichtet hat. Wie blöd man eigentlich sein kann, den Zettel so aufzufalten, fragt meine Freundin.

Mit dieser Laune ist an einen ruhigen Tagesausklang nicht zu denken. Nur: Dann nehme ich die ja mit ins Bett. Außerdem habe ich frühestens in drei Tagen wieder Zeit für Sport. Und ich habe doch vollmundig versprochen, über Trainingserfolge zu bloggen. Ach ja: Wie blöd kann man eigentlich sein.

Also raus an die frische Luft.

Der Wind ist ekelhaft. Da wird man bestimmt krank. Wenn erst die Haare nass vor Schweiß werden. Die Hände sind schon arschkalt. Nach einem Kilometer nicht mehr. Urplötzlich geht die Sonne auf. Also sinngemäß, natürlich nicht wirklich, ist ja mitten in der Nacht. Ideen wie die, über diesen Tag zu schreiben, ploppen in meinem Kopf auf. Ich müsste Läufe über Bildergeschichten erzählen und die Leser fragen, wo ich war, denke ich. Plötzlich gehe ich viel aufrechter, ertappe mich dabei, wie ich das Tempo verschärfe, muss mich bremsen. Die Runde wird größer und größer.

St. Georgen

Ich laufe durch das kopfsteingepflasterte St. Georgen, überquere den wie ausgestorben wirkenden Ring, komme am Marktplatz mit seinem einsam blauleuchtenden Rinnla vorbei, hänge eine Runde durch den Hofgarten dran und noch eine zur Oberen Röth, des Ausblicks auf die Lichter der Stadt wegen.

Tunnelstraße

Ich schieße Handyfotos von hier und da. Grüße die wenigen, wildfremden Menschen, die mir mit Hund oder handybeleuchteten Gesichtern über den Weg laufen.

Hofgarten

Zuhause angekommen, schläft die Familie längst. Durch die spaltbreit geöffnete Schlafzimmertür sehe ich Frau und Kind schlummern. Ein Gefühl von Liebe macht sich breit. Von Glück und Stolz auf die beiden, auf mein Leben, auf meinen abendlichen Ausflug, auf mich. Darum laufen.

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